Torquato Tasso: Ein bisschen Weltschmerz und Melancholie


Prinzessin: Wohl ist sie schön die Welt! in ihrer Weite
Bewegt sich so viel Gutes hin und her.
Ach daß es immer nur um e i n e n Schritt
Von uns sich zu entfernen scheint,
Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben
Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt!
So selten ist es, daß die Menschen finden,
Was ihnen doch bestimmt gewesen schien,
So selten, daß sie das erhalten, was
Auch einmal die beglückte Hand ergriff!
Es reißt sich los, was erst sich uns ergab,
Wir lassen los, was wir begierig faßten.
Es gibt ein Glück, allein wir kennen’s nicht:
Wir kennen’s wohl, und wissen’s nicht zu schätzen.

Torquato Tasso, Dritter Aufzug, 2. Auftritt

Schöne, melancholische Zeilen, genau richtig für einen warmen Sommerabend mit einem gut gekühlten Weißwein in Reichweite nebst angenehmer Begleitung. Ach.

Zitate. Torquato Tasso


Wiedergelesen. Torquato Tasso. Geschrieben ab 1780, fertig gestellt 1790, uraufgeführt 1807 (erst!). Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder in das Versmaß und die (für heutiges Empfinden) langatmigen Dialoge reinfinde.
Kleine angeberische Anmerkung: Ich habe gerade Karl Ove Knausgard „Leben“ gelesen, da ist sprachlich natürlich ganz was anderes geboten, obwohl es in beiden Werken (auch) um den Dichter/Schriftsteller und seine Arbeit geht.

Also Torquato:
Erster Aufzug, 2. Auftritt

Leonore: (…) Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.
(…)

Alfons: Die Menschen fürchtet nur wer sie nicht kennt,
Und wer sie meidet wird sie bald verkennen.
Das ist sein Fall, und so wird nach und nach
Ein frei Gemüt verworren und gefesselt.
So ist er oft um meine Gunst besorgt
Weit mehr als es ihm ziemte; gegen viele
Hegt er ein Mißtrauen, die, ich weiß es sicher,
Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja
Daß sich ein Brief verirrt, daß ein Bedienter
Aus seinem Dienst in einen andern geht,
Daß ein Papier aus seinen Händen kommt,
Gleich sieht er Absicht, sieht Verräterei
und Tücke die sein Schicksal untergräbt.

Das liest sich so schön klassisch weg, und swingt im Versmaß (welches genau ist es nochmal?), und ein paar All-time-high-Zitate sind auch noch drin.

Nice.

Goethe über moderne Zeiten und die Mittelmäßigkeit


„Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. Und das ist ja auch das Resultat der Allgemeinheit, daß eine mittlere Kultur gemein werde.“

Goethe 1825 an Zelter (Rechtschreibung und Interpunktion wie im Original)
Aus: Eckart Klessmann: Goethe und seine lieben Deutschen, Eichborn, Andere Bibliothek

Stendhal über Schiller, Goethe, Schlegel


Stendhal„Die Deutschen haben nur einen Mann, das ist Schiller, und zwei der zwanzig Bände Goethes. Das Leben des letzteren wird man lesen wegen der maßlosen Lächerlichkeit eines Mannes, der sich für wichtig genug hält, uns in vier Oktavbänden zu erzählen, wie er sein Haar mit zwanzig Jahren trug und daß er eine Großtante namens Annichen hatte. Aber das beweist, daß man in Deutschland kein Gefühl für Lächerlichkeit hat, und wenn jemand nun einmal kein Gefühl dafür hat, aber durchaus geistreich sein will , dann kann er leicht dem verfallen, was er nicht kennt; und wenn er dann den Geist der anderen beurteilen und von dem teutonischen Richterstuhl herab entscheiden will, daß Molière nur trübselige Satiren geschrieben habe, so ist er recht nahe daran, Europa auf seine Kosten zum Lachen zu bringen.“
Buchcover Klessmann

Der auf Molière berogene Seitenhieb galt August Wilhelm Schlegel, und Dichtung und Wahrheit hatte Stendhal gar nicht gelesen, sondern nur eine Kritik des Werks, die 1816 in der Edinburgh Review erschienen war.

Aus: Eckart Klessmann: Goethe und seine lieben Deutschen, Eichborn, Andere Bibliothek
Abbildung: Stendhal im Jahr 1840, Porträt von Olof Johan Södermark

Thomas Bernhard: Goethe schtirbt


BernhardEin Zufallsfund in der Stadtbibliothek: Thomas Bernhard: Goethe schtirbt. Vier Erzählungen. Erschienen 2010 bei Suhrkamp.
Darin die völlig durchgeknallte, titelgebende Goethe-Geschichte. Handlung so in etwa: Goethe in seinen letzten Tagen hat nur noch den Wunsch, Ludwig Wittgenstein um sich zu haben. Riemer wird nach London geschickt, um den Philosophen nach Weimar zu lotsen. Natürlich Aufregung, Wahnsinn, abstruses Zeug, wohin man schaut. Bernhard halt. Völlig verschachtelte Sätze, in denen das Banale, der Klatsch, die Launen und Intrigen knallhart mit dem Genialen und Großphiliosophischen vermengt werden. Geschrieben wohl 1985, und einfach nur 22 Seiten geiler Scheiß. Die andern drei Geschichten in dem Band übrigens auch – sie haben aber nix mit G. zu tun.